Sophie
OriginaltitelSophiewww.worldofmovies.net
Produktionsjahr2007
ProduktionslandÖsterreich          
LabelILLUSIONS UNLTD. films
GenreHorror          Drama
Laufzeit20 Min.
DarstellerJasmin Devi, Manfred Sarközi, Mario L'Ross
RegieVlado Priborsky
Kinostart0000-00-00
erhältlichLink zu AMAZON
DVD-Veröffentlichung0000-00-00
FSK
ungeprüft
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InhaltSophie Liechtenstein, die sich von ihrem Mann, Clemens, scheiden lassen will, fährt eines schönen Nachmittags aufs Land, um etwas im Wald spazieren zu gehen. Nach einem Telefonat mit Clemens’ Boss beschließt sie, ihren zukünftigen Ex noch mal anzurufen, und zur Unterfertigung der Scheidungspapiere zu drängen. In Gedanken versunken rutscht Sophie aus, und schlittert direkt in eine Bärenfalle. Dabei fällt ihr zu allem Überdruss auch noch das Handy aus der Hand und liegt nun, für sie unerreichbar, in ihrer Nähe. Sämtliche Bemühungen, sich aus der Falle zu befreien scheitern, und schon bald bricht die Nacht herein …

Filmkritik
Ich möchte diese Kritik mit einem Geständnis einleiten: Selten bis gar nie konnte ich dem deutschsprachigen Low-Budget-Kino etwas abgewinnen. Dies lag in erster Linie daran, dass viele Regisseure solcher Produktionen die millionenschweren Vorbilder ideenlos zu imitieren versuchen und deswegen Filme kreieren, die wie ihre teuren Vorbilder ablaufen, aber deutlich schlechter aussehen. Das Resultat sind viele schlechte Kopien, die im Endeffekt stets verzweifelt mit grenzenlosem Blutfluss an eine gewisse Fanbase appellieren wollen. Anderer Genreoutput gibt sich bemüht kunstvoll, verdeckt gerne seine massiven Drehbuchschwächen mit angeblichem Interpretationsspielraum für den Zuschauer oder verweist kurzerhand auf Dadaismus-ähnliche Kunstströmungen.


Im Jahre 2005 gelang es einem Kurzfilm namens „Valentin's Tag“, mein Interesse für Filme dieser Art wieder zu wecken und meine Vorurteile vorerst zu dämpfen. Diese kleine Produktion, welche dem kreativen Kopf von Vlado Priborsky entsprungen war, war keineswegs ein Meisterwerk. Aber sie hatte alles, was ich bis dato bei solchen Independent-Beiträgen vermisst hatte: In ihrem Spiel sichere Darsteller, einen kurzen und pointierten Handlungsverlauf, eine handwerklich solide Inszenierung sowie ein konsequentes und stimmiges Ende. Und vor allem schöpfte das Werk die vorhandenen Minimalmittel voll und ganz aus, und mutete deswegen auch zu keiner Sekunde wie eine kostengünstige Kopie einer Big-Budget-Produktion an. „Valentin's Tag“ war originell, ein gelungener Baustein, auf welchem aufgebaut werden konnte. Für mich persönlich bot dieser Baustein auch ein kleines Tor in eine filmische Schaffenswelt, mit der ich mich bis zu diesem Zeitpunkt nur schwer anfreunden konnte.


2006 folgte dann Priborskys Zweitling, ein weiterer Kurzfilm: „Plan B“. Erfreulicherweise machte „Plan B“ nicht nur auf rein inszenatorischer Ebene einen grossen Qualitätssprung nach vorne, sondern auch auf narrativer Ebene. Gehüllt in eine farblose Optik mit fahlen Lichtverhältnissen erzählte Priborsky eine experimentelle Geschichte über Leben und Tod. Der Schnitt war geschickt, die Kamera wählte beklemmende und perspektivisch verstörende Winkel und die subtile Musikuntermalung erwies sich als gnadenloser Spannungsförderer. Hingegen zu „Valentin's Tag“ gab sich „Plan B“ durchgehend ernsthaft, wirkte reifer. Die mit viel Fingerspitzengefühl aufgebaute Erzählstruktur des 12 minütigen Kurzfilmes bewirkte zudem, dass man das Verlangen verspürte, sich dieses Werk ab und zu wieder einmal anzusehen.


Mit „Sophie“ meldete sich Priborsky im Jahre 2007 nun mit einer weiteren Independent-Produktion zurück. Mit einer Laufzeit von knapp 20 Minuten gehört auch dieses Werk dem Subgenre des Kurzfilmes an. Diese Kategorisierung ist aber mehr oder weniger alles, was „Sophie“ mit „Valentin’s Tag“ und „Plan B“ verbindet. Denn obschon „Sophie“ die Handlung von „Plan B“ weiterstrickt und auch immer wieder kurz auf den „Quasivorgänger“ Bezug nimmt, unterscheiden sich die beiden Werke stark.




Dies lässt sich folgendermassen begründen: „Plan B“ war verträumt-philosophisch, durchwegs experimentell in Handlung und Bild und in seiner Wirkung auf den Zuschauer ungehemmt durchschlagskräftig. Etwas zu „durchschlagskräftig“ wohl sogar, könnte man mit Blick auf die nicht gerade wenigen Kommentare unvorbereiteter „Plan B“ Konsumenten vermuten. Auch wenn Regisseur Priborsky hier mittels Beilagezettel und Handlungserklärungen grösstenteils Abhilfe schaffen konnte, nicht jeder hatte die Muse, dem sperrigen Zweitwerk aus der Independent Pictures Schmiede folgen zu können.


Daher, so ist den Interviews mit Priborsky zu entnehmen, wagte man sich mit „Sophie“ auf einen konventionelleren, „einfacheren“ Weg. Inhaltlich also schlichter, massentauglicher, optisch dafür, durch gewonnene Dreherfahrung und neues Equipment bedingt, wesentlich ausgereifter und professioneller. Dieser Rückschritt im Erzählbereich zu Gunsten der Verständlichkeit des Filmes entpuppt sich aber bei genauerer Betrachtung als unerwartet wohldurchdacht: Zwar ist der Film, wie von Priborsky angekündigt, schlichter und auch „einfacher“ geworden, erfindet daher natürlich auch handlungstechnisch das Rad keineswegs neu, gleichzeitig aber gelingt fast spielend eine stimmige Symbiose aus „Plan B“ und „Sophie“, und dies, obwohl die beiden filmischen Beiträge unterschiedlicher nicht sein könnten. Somit wird auch „Sophie“ indirekt zum „Experiment“, wenngleich auch ein wesentlich zugänglicheres als es „Plan B“ war.


Sowieso scheint „Sophie“ von einem positiven Minimalismus geprägt zu sein. Sei es nun die konsequente Beschränkung auf einen zentralen Handlungsort oder die in erster Linie aus Umgebungsgeräuschen bestehende Soundkulisse, der Film gibt sich angenehm reduziert. Die Stille des Waldes, die natürliche Klangumgebung der Natur, ein melancholisches Lied – dies bietet den Ohren des Zuschauers weitaus mehr, als es ein omnipräsenter Soundtrack je gekonnt hätte. Gerade in Verbindung mit den teilweise wunderschönen Landschaftsaufnahmen entsteht ein Gefühl der Weite, der Verlorenheit. Diese optische Verlorenheit wandelt sich im Verlaufe des Filmes auch zur körperlichen und seelischen Verlorenheit, was als gelungene Metapher verstanden werden kann.


In Mitten dieser prächtigen Waldlandschaft kämpft eine dreck – und blutverkrustete Jasmin Devi als Sophie Liechtenstein um ihr Leben. Ihr Spiel ist von schmerzhafter Intensität: Tränen fliessen, ein ersterbendes Winseln entkommt ihren Lippen, sie keucht, kreischt, schreit und jammert. Gnadenlos fährt die Kamera über Devis verzerrtes Gesicht, fängt ihre Schreie mit grässlicher Konsequenz ein und präsentiert ihre Qualen in nervennagender Grossaufnahme. In einer Szene schreit Sophie schmerzgepeinigt auf, Erinnerungsfetzen zucken vor den Augen des Zuschauers hin und her, aus dem gequälten Kreischen wird ein heiseres Lachen. Solche Momente beweisen, dass Devi eine absolute Idealbesetzung darstellt.


Einen Grossteil seiner Intensität zieht „Sophie“ auch aus seiner rastlosen Kameraführung, die nicht nur stilsicher auf perspektivische Weiten zurückgreift, sondern auch geschickt die waldliche Umgebung als natürlichen Lichtfaktor einbaut. Gemächlich fährt die Kamera durchs Blätterwerk, spielt leichtfüssig mit dem Sonnenlicht und ergötzt sich an dem satten Grün des ländlichen Settings. Und fliesst im Film Blut, so ertrinkt die Kameraarbeit nicht im nassen Rot, sondern verhält sich erfreulich unvoyeuristisch, zirkuliert lieber einem bösartigen Insekt gleich um das peinverzerrte Gesicht der leidenden Akteurin. Dennoch sind es gerade die hemmungslosen Kamerafahrten – und perspektiven, die das Leid der Sophie in besonders grässliche Bilder packen. So verhält sich die Kamera während einer Nachtaufnahme wie ein wilder Keiler, der, bebend und zitternd vor Wut, auf die panische Hauptdarstellerin zurast. Rasant, aber ohne jegliche Hektik, erfasst die Kamera Sophie, in deren Gesichtszügen sich die pure Verzweiflung eingefressen zu haben scheint. Hier erleidet der Zuschauer quasi „perspektivische Schmerzen“.




Diese Szene mündet dann in eine (alb)traumhafte Sequenz, in welcher der Zuschauer auf beängstigende Art und Weise durch Sophies Bewusstsein sausen darf, eingehüllt in rotes Dimmerlicht, umgeben von seltsamen Farbspielen. Szenen wie diese funktionieren vollkommen ohne Dialoge.


Auch hier macht sich der brutale Minimalismus, den Regisseur Priborsky anstrebte, positiv bemerkbar. Die Hilflosigkeit der Hauptdarstellerin ergreift den Zuschauer auch bei absoluter Dialogarmut. Vielleicht sogar ein Stück zu minimalistisch fällt allerdings das eigentliche Handlungskonzept aus. Funktioniert der Grossteil des Filmes noch reibungslos, so stellen sich in den letzten Schlussminuten gewisse Defizite ein. Stets an der Grenze des menschlichen und psychischen Horrors spielend, driftet „Sophie“ in seinen finalen Einstellungen in durchwegs mystische Horrorgefilde ab. Dieser Wandel vollzieht sich nicht ganz überzeugend, wirkt gar etwas erzwungen und sperrig. Innerhalb einer Produktion mit wesentlich längerer Spielzeit hätte sich ein solcher Erzählungstwist zwar wohl stimmig ins Gesamtbild integrieren lassen, die Grenzen eines Kurzfilmes lassen dieser Wendung in „Sophie“ allerdings zu wenig Luft, für dass sie sich wirklich entfalten könnte. Der Grundgedanke, welchem die Schlussminuten zu Grunde liegen, ist allerdings ein äusserst interessanter. Demnach dürfte es hier von Betrachter zu Betrachter starke Abweichungen geben, ob man diese etwas zu ruckhafte und schnelllebige Finalwendung nun negativ gewichtet oder nicht.


Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass „Sophie“ trotz der Tatsache, dass das Werk insgesamt wesentlich reduzierter aufgebaut ist als „Plan B“, nach wie vor ein Experiment darstellt. Und zwar ein Experiment, in welchem zwei vollkommen unterschiedliche Werke zu einem Gesamtbild verflossen werden. Das Resultat ist nicht ohne Mängel, aber insgesamt verheissungsvoll. Oder um auf den Baustein-Vergleich aus der Einleitung zurückzukommen: Ein weiterer Stein, auf welchem man aufbauen kann.



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Filmreview erstellt von Dave Maurer